Mittwoch, 2. August 2006
Unter Trotteln...
tryagain, 16:18h
Die permanenten Vorhaltungen, welche ich meiner Mutter ob meiner Existenz machte, wurden an diesem Vormittag einmal mehr bestätigt. Zuallererst waren meine Bemühungen vergebens gewesen, einen Kunden von der Weitsichtigkeit zu überzeugen, die er mit dem Erwerb eines 800 Euro teuren Blueray-Brenners an den Tag legte. Hofiert hatte ich ihn bis zuletzt, was sich in einem für meine Verhältnisse ungemein zuvorkommenden Verkaufsgespräch abgezeichnet hatte. Um die Richtigkeit des potenziellen Kaufs zu verdeutlichen, waren sogar einige Male die Worte „visionär“, „Prosperität“, und „Phallus-Symbol“ mit eingeflossen. Anfänglich schien meine Strategie aufzugehen. Immerhin tat die Person so, als ob sie alles verstand was ich ihr sagte. Geschmeichelt fühlte sie sich auch. Den Laden verließ sie dann schließlich mit einem 35 Euro teuren DVD-Player der Marke Cyberhome. Da freute man sich doch 25 Minuten geholfen zu haben. Immerhin war ich während dieser Zeit vor den willkürlichen Zugriffen meiner Chefin sicher. Ich befand mich sozusagen auf geschütztem Terrain. Meine heimelige Barriere sollte jedoch wieder in jenem Moment kollabieren, als der Kunde gerade zur Tür hinaus war. „Herr Menowsky!“, schallte und schepperte es durch den Laden und vor meinen Augen offenbarte sich die menschengroße Kobra in all ihrer Abscheulichkeit. „Herr Menowsky, wir haben da ein kleines technisches Problem. Kommen Sie bitte mal nach hinten?“ Ich tat wie mir befohlen wurde, unabhängig der Tatsache, dass ich die Zeit, welche ich nun investieren würde wohl besser zum wichsen verwenden konnte.
„Herr Menowsky, dem Horst ist gerade...ja, wie soll ich sagen der Prozessor in zwei gegangen, der in den Kunden - PC eingebaut werden sollte.“
„Wie dass?“
„Ich weiß nicht, er meinte er hätte was Schweres draufgelegt.“
„Aha.“
„Wissen Sie, ob wir davon zufällig noch Einen auf Lager haben?“
„Ja, ich meine Nein, haben wir nicht. Der wurde extra für den Kunden bestellt. Ich könnte noch einen ordern, aber der wäre erst morgen hier.“
„Aber der PC soll doch heute Nachmittag schon rausgehen.“
„Tja.“
„Herr Menowsky, dass ist mir jetzt furchtbar unangenehm, aber mein Mann ist nicht da und..., na ja, meinen Sie dem Kunden würde es auffallen, wenn wir den PC auch ohne Prozessor ausgeben würden?“
„Puh, wissen Sie, ich versuch Ihnen das mal zu erklären. Der Prozessor ist so zu sagen das Hirn des Computers. Wenn der Kunde damit arbeiten könnte, ohne das er von dem fehlenden Prozessor Notiz nehmen würde, hieße das, dass wir genauso gut Sie anstelle unserer Workstation in Zukunft für alle komplexen Rechenoperationen einsetzen könnten, die in diesem Unternehmen anfallen. Das würde eine Menge Strom sparen, ihren Mann damit glücklich machen, und mir ab und an eine heiße Tasse Kaffee bescheren, ohne das ich mich als Energieverschwender bezeichnen lassen muss, nur weil ich die Heizplatte der Kaffeemaschine an lasse.“
„Sie glauben also, es würde dem Kunden nicht auffallen, wenn ich Sie jetzt richtig verstehe?“
An dieser Stelle brach ich das Gespräch ab, indem ich die Frage negierte und meine mir zustehende Raucherpause in Anspruch nahm. Während ich vor der Tür mit tiefen Zügen inhalierte stellte ich mir immer und immer wieder die Frage, wer gegen das deutsche Volk in der Post-Moderne eine derartigen Greul hegte, dass er seinen Genpool mit dieser Person gedumpt hatte.
„Herr Menowsky, dem Horst ist gerade...ja, wie soll ich sagen der Prozessor in zwei gegangen, der in den Kunden - PC eingebaut werden sollte.“
„Wie dass?“
„Ich weiß nicht, er meinte er hätte was Schweres draufgelegt.“
„Aha.“
„Wissen Sie, ob wir davon zufällig noch Einen auf Lager haben?“
„Ja, ich meine Nein, haben wir nicht. Der wurde extra für den Kunden bestellt. Ich könnte noch einen ordern, aber der wäre erst morgen hier.“
„Aber der PC soll doch heute Nachmittag schon rausgehen.“
„Tja.“
„Herr Menowsky, dass ist mir jetzt furchtbar unangenehm, aber mein Mann ist nicht da und..., na ja, meinen Sie dem Kunden würde es auffallen, wenn wir den PC auch ohne Prozessor ausgeben würden?“
„Puh, wissen Sie, ich versuch Ihnen das mal zu erklären. Der Prozessor ist so zu sagen das Hirn des Computers. Wenn der Kunde damit arbeiten könnte, ohne das er von dem fehlenden Prozessor Notiz nehmen würde, hieße das, dass wir genauso gut Sie anstelle unserer Workstation in Zukunft für alle komplexen Rechenoperationen einsetzen könnten, die in diesem Unternehmen anfallen. Das würde eine Menge Strom sparen, ihren Mann damit glücklich machen, und mir ab und an eine heiße Tasse Kaffee bescheren, ohne das ich mich als Energieverschwender bezeichnen lassen muss, nur weil ich die Heizplatte der Kaffeemaschine an lasse.“
„Sie glauben also, es würde dem Kunden nicht auffallen, wenn ich Sie jetzt richtig verstehe?“
An dieser Stelle brach ich das Gespräch ab, indem ich die Frage negierte und meine mir zustehende Raucherpause in Anspruch nahm. Während ich vor der Tür mit tiefen Zügen inhalierte stellte ich mir immer und immer wieder die Frage, wer gegen das deutsche Volk in der Post-Moderne eine derartigen Greul hegte, dass er seinen Genpool mit dieser Person gedumpt hatte.
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Tage wie dieser...
tryagain, 02:59h
Es gibt Tage an denen ich wünschte, ich wäre tot. Allein dieses Verlangen mutet noch keinesfalls absonderlich an. Wir alle machen diese Phase temporär durch. Meist tritt sie zu bestimmten Anlässen ein, wie die eigene Hochzeit, der Verkündung des Offenbarungseids, den ersten Gang zum Sozialamt oder dem alltägliche Horror der Arbeitshölle, vor der es den Meisten bereits noch vor dem Einschlafen graut. Letzteres stellte meine Situation dar und obwohl ich beharrlich versuchte den Wecker zu überhören, wurde ich schließlich einmal mehr von meinem Ordnungssinn und dem im Hinterkopf befindlichen Schuldenberg zum Aufstehen bewogen. Die Woche hatte mich wieder. Vielmehr dieser Dienstag. Gemächlich kroch ich aus den warmen Laken meines Bettes empor und begann mit dem allmorgendlichen Prozedere meinen Körper auf die Symptome von verschiedenen, möglichst ansteckenden Krankheiten zu untersuchen, die mir einen weiteren Urlaubstag beschert und die Woche verkürzt hätten. Aber nichts! Kein Husten. Kein Schnupfen. Keine geschwollenen Lymphen. Nicht einmal das kleinste Kaziom wollte sich auf meiner sonst so unebenen, ledernen Haut be-merkbar machen und das Fünkchen Glück im Unglück darstellen, dass ich an diesem Dienstag benötigt hätte. Um nicht auf Anhieb in Panik zu verfallen sondierte ich die unwirtlichen Weiten meines Schlafzimmers nach Gegenständen, an denen ich mich in kürzester Zeit schwer verletzten und so dem vermeintlich unausweichlichen Schicksal entrinnen konnte. Alles was ich jedoch vorfand, war meine Bong, die zu zerstören ich mich nicht traute, stellte doch der dichte Schleier der mich allabendlich durch sie um-hüllte die letzte Bastion, gegen eine mir feindlich gesonnene Arbeitswelt dar. So gab es nichts, was meinen langen und beschwerlichen Weg entweder verzögert, oder voll-ständig getilgt hätte. Auf der grünen Meile, die meine bescheidene Behausung von dem Ort der Vollstreckung trennte, waren als finale Etappen ausschließlich Dusche und Küche vorgesehen. Zudem deutete der Wecker bereits an, dass, sofern ich pünkt-lich um elf zu erscheinen gedachte, immerhin noch aus einen Zeitraum von 20 Minu-ten für Larmoyanz und Trödelei schöpfen konnte. Tranig wie ich war, erhob ich mich also letztlich und schlurfte ich Richtung Bad, wo ich mein geschundenes Antlitz erst einmal ausgiebigst im Spiegel begutachtete. Betreten erblickte ich mein Ebenbild und ein Anflug von Schwermut erging über die spröden Lippen. 22 Jahre und gänzlich verhärmt erwiderte mein einst edles Angesicht jenen Blick und stimmte unisono in mein Klagelied mit ein. Wahrlich, wie sehr hatte doch der Zahn der Zeit an mir ge-nagt, wie sehr die unerbittliche Schinderei, mit der brachialsten aller Gewalt die zarte Blüte meiner Jugend unwiederbringlich zerpflückt. Gäbe es einen Gott, so hätte er niemals verfügt, dass mir das Joch eines IT-Systemkaufmannes als Berufung um mei-nen empfindsamen Hals gelegt worden wäre. Mein semi-philosophischer Gedankengang wurde nun durch den Verweis meiner inneren Uhr unterbrochen, die mich auf verbleibende 15 Minuten verwies. Nach kurzer Dusche und funktionaler Kleiderwahl begab ich mich in die Küche, aus der ich mich jedoch gleich zu entziehen gedachte, opponierten die dort ansässigen Pilzkulturen immer noch unentwegt über die desaströsen hygienischen Zustände. An meinem Auto angekommen musste ich letztlich feststellen, dass ich es scheinbar in der vorherigen Nacht geradezu meisterlich voll-bracht hatte, den Wagen mit dem letzten Rest der Tankfüllung vor mein Wohnhaus zu lancieren und so blieb mir für den Weg nichts weiter übrig als Schusters Rappen.
Die nachträgliche Reflexion über mein Gesicht hatte während des Weges eine Abkehr von meiner gewohnten Weinerlichkeit zur Folge. Eine Verwandlung ging in mir vor, die aus dem depressiven Defätisten einen manischen Masochisten werden ließ. Weniger deprimiert als vielmehr ataraxisch schlenderte also meinem Peiniger bekannt als Stefan entgegen, mental auf seine perversen Penetrationen eingestellt, die ich diesmal heroisch über mich ergehen lassen wollte. Ein Prometheus der ohne Zaudern und Klagen auch im Angesichte des gefräßigen Adlers die folgende immer wiederkehrende Marter mit schallendem Gelächter zu erdulden vermochte. Offenkundig konnte sich Homer in seiner schillernden Phantasie jedoch nicht das Bildnis meiner Chefin ausmalen, hätte er sie doch anstelle der Hydra in seinen Sagenkreis integriert und so den abendländischen Kulturraum mit ihrer Erscheinung das Fürchten gelehrt. Schon innerhalb der Einkaufspassage drang ihr martialisches Geschrei auf mich ein und riss mich aus dem Land der Satyrn und Nymphen in die kalte Realität zurück. Imaginierter Fluchtpunkt ade. Mit jedem weiteren Schritt schwand mein durch mühselige Autosuggestion aufrechterhaltenes Selbstbewusstsein und ebbte schließlich vollends ab, als ich einmal mehr die Tür zu unserer Filiale durchschritt. Ohne meinen Blick von den Fliesen zu erheben und meiner kraftlosen Körperhaltung damit eine Spur von Virilität und Würde zu verleihen, konnte ich am Geruch bereits erahnen was vorgefallen war.
Es hatte gebrannt. Wieder einmal. Eine Ursache dafür auszumachen, die aus der Perspektive eines gesunden Menschen als rational hätte erachtet werden können, schien hier vergebene Liebesmüh. Viel eher genügte ein Fingerzeig um den Schuldigen auch diesmal auf Anhieb ausfindig zu machen. Horst, 32, geschieden, kognitiv suboptimiert, seineszeichens passionierter Pyromane, sowie filialinterner Computertechniker durch eine Umschulungsmaßnahme des Arbeitsamtes. Früher war Horst Forstwirt, was sich ohne weiteres seinem Äußeren entnehmen ließ, sollte er ähnlich wie Quasimodo einmal durch den Chef dazu priviligiert worden sein, die Finsternis seines Ar-beitsbereiches zu verlassen und mich mit unqualifizierten Fragen von der Kunden-betreuung abzuhalten. Tatsächlich vereinten sich in ihm die Statur einer Fichte und die Gesichtszüge eines armenischen Eseltreibers, die in einer unnachahmlichen Synergie zum Charisma eines Sack Zements miteinander verschmolzen. Auch heute konnte ich mich jenes Anblicks nicht erwehren, präsentierte sich doch Horst vor mir schelmisch grinsend in voller Pracht, als ich es gewagt hatte, meinen Blick für einen Moment zu erheben und durch den Raum schweifen zu lassen. Das diabolische Funkeln seiner Augen verriet in diesem Falle entweder eine geraume Freude über das Chaos, was er soeben in den Betriebsablauf gebracht hatte, oder zeugte schlichtweg von dem Wahnsinn mit dem er geschlagen war. Vermutlich hatte er sich erneut an der Reparatur eines Netzteils mittels Lötkolben versucht und auf einen Schlag damit fast die Brandsrodung der kompletten Technik bewirkt. Trotz oder viel mehr gerade des-halb wollte das grenzdebile Grinsen aus seiner Miene nicht entweichen. Es war so als wollte er sagen: GUCK MAL KARLO! ICH HABE FEUER GEMACHT! Da er sich jedoch gewöhnlich nur in einer Syntax auszudrücken pflegte, die Subjekt und Prädi-kat nicht überschritt, ging an diesem Morgen wohl wieder einmal die Phantasie mit mir durch. Ungeachtet des Spektakels setzte ich nach einem kurzen Moment der Kontemplation meinen Gang zur Kaffeemaschine fort, an der ich mich für die kommende zehnstündige Tantalusqual zu laben gedachte. Kaum war ich am ersehnten Ziel ange-langt, da wurden meine Arme plötzlich von gigantischen Tentakeln umschlungen, die mich ruckartig in ihre Richtung zogen. Es war meine Chefin. Dem Grauen hatte ich an diesem Morgen also doch nicht entrinnen können, und so bebte jede einzelne Faser meines Körpers vor Angst, ob dem was nun kommen sollte. Aug’ in Aug’ stand ich nun der vormals brüllenden Bestie gegenüber, die mich mit einem Kredo aus festem Griff und cholerischen Anfällen zu dem bewegen wollte, was sie unter „betriebsinter-nem Koordinationsgespräch“ verstand. Aber auch diesmal war trotz aller Bemühun-gen ihr Versuch zum scheitern verurteilt. Unmerkmerklich driftete die Korrespondenz schon zu einer trivialen Nonsens - Konversation ab, als es noch gar nicht begonnen hatte.
„Guten Morgen Herr Menowsky. Sie müssen aber gut geschlafen haben. Immerhin sind sie zehn Minuten zu spät.“
„ Ja ich weiß, tut mir auch leid, aber mein Auto...“
„Ach, immer das olle Auto. Als ich so alt war wie sie hatte ich auch kein eigenes Auto. Da bin ich immer Fahrrad gefahren. Außerdem sag’ ich doch immer, Stefan sag ich, der Herr Menowsky, der sieht immer so ungesund aus, der sollte lieber mal ein bisschen mehr Sport machen. Der könnte zum Beispiel Fahrrad fahren. Haben sie ein Fahrrad?“
„Ja schon, aber...“
„Sehen sie. Ab morgen kommen sie einfach mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dann wissen sie auch, dass sie mit einer längeren Fahrtzeit rechnen müssen. So stehen sie auch früher auf und kommen nicht immer verspätet mit roten Augen in die Filiale. Apropos rote Augen. Herr Menowski darf ich sie mal was persönliches fragen?“
„Komisch, mir ist gerade so, als...“
„Kiffen sie eigentlich? Ich seh’ sie jeden Tag mit diesen roten Augen durch den La-den rennen.“
„Nun ja, Ich bin depressiv und weine viel. Wenn sie mal in den Spiegel gucken würden, könnten sie verstehen was ich meine. Außerdem bin ich Allergiker und wir haben gerade verstärkten Pollenflug. Es ist Sommer, wie sie sicher wissen.“
„Aber doch nicht die ganze Zeit. Na na, Herr Menowski da wollen wir aber mal nicht schwindeln. Neulich lief so eine Dokumentation auf 3sat, wo sich junge Leute wie sie in ihrer Freizeit Cannabis gespritzt haben. Einer von denen war sogar so zugedröhnt, der hat mit heruntergelassener Hose die Wand angeschis...“
Glücklicherweise wurde ihr Monolog durch die Präsenz eines Kunden unterbrochen, der sich auf der Suche nach der nächsten kompetenten Fachberatung im nahe gelegenen Promarkt hierhin verirrt haben musste. Ohne umschweife entzog ich mich der Obhut meiner Chefin und tat mein möglichstes, um ihm diesen Fehler nicht gewahr werden zu lassen. Meine Motivation zur Arbeit erschien mir in jenem Moment so stark wie nie zuvor. Beflissentlich bombardierte ich den Kunden mit Produktinforma-tionen und gab nicht eher Ruhe, bis meine Chefin von dannen zog, um ein neues Op-fer für ihre Annekdotenattacke zu lokalisieren. Wie immer war damit das Ziel meines Arbeitgebers erfüllt. Warum sollte man sich die Mühe machen Tadel auszusprechen und zu rügen, wo man doch den eigenen Hausdrachen kostengünstig als verbalisierenden Sklaventreiber einstellen konnte? Geteiltes Leid war schließlich halbes Leid und wenn es für die Produktivität förderlich erschien, nur zu. Wie immer resignierte ich und fügte mich so auch an diesem Tag in mein arbeitsreiches Schicksal, den per-manenten Wahnsinn des Unternehmens jederzeit hilflos ausgeliefert. Etwas anderes wäre auch zu einfach gewesen.
Die nachträgliche Reflexion über mein Gesicht hatte während des Weges eine Abkehr von meiner gewohnten Weinerlichkeit zur Folge. Eine Verwandlung ging in mir vor, die aus dem depressiven Defätisten einen manischen Masochisten werden ließ. Weniger deprimiert als vielmehr ataraxisch schlenderte also meinem Peiniger bekannt als Stefan entgegen, mental auf seine perversen Penetrationen eingestellt, die ich diesmal heroisch über mich ergehen lassen wollte. Ein Prometheus der ohne Zaudern und Klagen auch im Angesichte des gefräßigen Adlers die folgende immer wiederkehrende Marter mit schallendem Gelächter zu erdulden vermochte. Offenkundig konnte sich Homer in seiner schillernden Phantasie jedoch nicht das Bildnis meiner Chefin ausmalen, hätte er sie doch anstelle der Hydra in seinen Sagenkreis integriert und so den abendländischen Kulturraum mit ihrer Erscheinung das Fürchten gelehrt. Schon innerhalb der Einkaufspassage drang ihr martialisches Geschrei auf mich ein und riss mich aus dem Land der Satyrn und Nymphen in die kalte Realität zurück. Imaginierter Fluchtpunkt ade. Mit jedem weiteren Schritt schwand mein durch mühselige Autosuggestion aufrechterhaltenes Selbstbewusstsein und ebbte schließlich vollends ab, als ich einmal mehr die Tür zu unserer Filiale durchschritt. Ohne meinen Blick von den Fliesen zu erheben und meiner kraftlosen Körperhaltung damit eine Spur von Virilität und Würde zu verleihen, konnte ich am Geruch bereits erahnen was vorgefallen war.
Es hatte gebrannt. Wieder einmal. Eine Ursache dafür auszumachen, die aus der Perspektive eines gesunden Menschen als rational hätte erachtet werden können, schien hier vergebene Liebesmüh. Viel eher genügte ein Fingerzeig um den Schuldigen auch diesmal auf Anhieb ausfindig zu machen. Horst, 32, geschieden, kognitiv suboptimiert, seineszeichens passionierter Pyromane, sowie filialinterner Computertechniker durch eine Umschulungsmaßnahme des Arbeitsamtes. Früher war Horst Forstwirt, was sich ohne weiteres seinem Äußeren entnehmen ließ, sollte er ähnlich wie Quasimodo einmal durch den Chef dazu priviligiert worden sein, die Finsternis seines Ar-beitsbereiches zu verlassen und mich mit unqualifizierten Fragen von der Kunden-betreuung abzuhalten. Tatsächlich vereinten sich in ihm die Statur einer Fichte und die Gesichtszüge eines armenischen Eseltreibers, die in einer unnachahmlichen Synergie zum Charisma eines Sack Zements miteinander verschmolzen. Auch heute konnte ich mich jenes Anblicks nicht erwehren, präsentierte sich doch Horst vor mir schelmisch grinsend in voller Pracht, als ich es gewagt hatte, meinen Blick für einen Moment zu erheben und durch den Raum schweifen zu lassen. Das diabolische Funkeln seiner Augen verriet in diesem Falle entweder eine geraume Freude über das Chaos, was er soeben in den Betriebsablauf gebracht hatte, oder zeugte schlichtweg von dem Wahnsinn mit dem er geschlagen war. Vermutlich hatte er sich erneut an der Reparatur eines Netzteils mittels Lötkolben versucht und auf einen Schlag damit fast die Brandsrodung der kompletten Technik bewirkt. Trotz oder viel mehr gerade des-halb wollte das grenzdebile Grinsen aus seiner Miene nicht entweichen. Es war so als wollte er sagen: GUCK MAL KARLO! ICH HABE FEUER GEMACHT! Da er sich jedoch gewöhnlich nur in einer Syntax auszudrücken pflegte, die Subjekt und Prädi-kat nicht überschritt, ging an diesem Morgen wohl wieder einmal die Phantasie mit mir durch. Ungeachtet des Spektakels setzte ich nach einem kurzen Moment der Kontemplation meinen Gang zur Kaffeemaschine fort, an der ich mich für die kommende zehnstündige Tantalusqual zu laben gedachte. Kaum war ich am ersehnten Ziel ange-langt, da wurden meine Arme plötzlich von gigantischen Tentakeln umschlungen, die mich ruckartig in ihre Richtung zogen. Es war meine Chefin. Dem Grauen hatte ich an diesem Morgen also doch nicht entrinnen können, und so bebte jede einzelne Faser meines Körpers vor Angst, ob dem was nun kommen sollte. Aug’ in Aug’ stand ich nun der vormals brüllenden Bestie gegenüber, die mich mit einem Kredo aus festem Griff und cholerischen Anfällen zu dem bewegen wollte, was sie unter „betriebsinter-nem Koordinationsgespräch“ verstand. Aber auch diesmal war trotz aller Bemühun-gen ihr Versuch zum scheitern verurteilt. Unmerkmerklich driftete die Korrespondenz schon zu einer trivialen Nonsens - Konversation ab, als es noch gar nicht begonnen hatte.
„Guten Morgen Herr Menowsky. Sie müssen aber gut geschlafen haben. Immerhin sind sie zehn Minuten zu spät.“
„ Ja ich weiß, tut mir auch leid, aber mein Auto...“
„Ach, immer das olle Auto. Als ich so alt war wie sie hatte ich auch kein eigenes Auto. Da bin ich immer Fahrrad gefahren. Außerdem sag’ ich doch immer, Stefan sag ich, der Herr Menowsky, der sieht immer so ungesund aus, der sollte lieber mal ein bisschen mehr Sport machen. Der könnte zum Beispiel Fahrrad fahren. Haben sie ein Fahrrad?“
„Ja schon, aber...“
„Sehen sie. Ab morgen kommen sie einfach mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dann wissen sie auch, dass sie mit einer längeren Fahrtzeit rechnen müssen. So stehen sie auch früher auf und kommen nicht immer verspätet mit roten Augen in die Filiale. Apropos rote Augen. Herr Menowski darf ich sie mal was persönliches fragen?“
„Komisch, mir ist gerade so, als...“
„Kiffen sie eigentlich? Ich seh’ sie jeden Tag mit diesen roten Augen durch den La-den rennen.“
„Nun ja, Ich bin depressiv und weine viel. Wenn sie mal in den Spiegel gucken würden, könnten sie verstehen was ich meine. Außerdem bin ich Allergiker und wir haben gerade verstärkten Pollenflug. Es ist Sommer, wie sie sicher wissen.“
„Aber doch nicht die ganze Zeit. Na na, Herr Menowski da wollen wir aber mal nicht schwindeln. Neulich lief so eine Dokumentation auf 3sat, wo sich junge Leute wie sie in ihrer Freizeit Cannabis gespritzt haben. Einer von denen war sogar so zugedröhnt, der hat mit heruntergelassener Hose die Wand angeschis...“
Glücklicherweise wurde ihr Monolog durch die Präsenz eines Kunden unterbrochen, der sich auf der Suche nach der nächsten kompetenten Fachberatung im nahe gelegenen Promarkt hierhin verirrt haben musste. Ohne umschweife entzog ich mich der Obhut meiner Chefin und tat mein möglichstes, um ihm diesen Fehler nicht gewahr werden zu lassen. Meine Motivation zur Arbeit erschien mir in jenem Moment so stark wie nie zuvor. Beflissentlich bombardierte ich den Kunden mit Produktinforma-tionen und gab nicht eher Ruhe, bis meine Chefin von dannen zog, um ein neues Op-fer für ihre Annekdotenattacke zu lokalisieren. Wie immer war damit das Ziel meines Arbeitgebers erfüllt. Warum sollte man sich die Mühe machen Tadel auszusprechen und zu rügen, wo man doch den eigenen Hausdrachen kostengünstig als verbalisierenden Sklaventreiber einstellen konnte? Geteiltes Leid war schließlich halbes Leid und wenn es für die Produktivität förderlich erschien, nur zu. Wie immer resignierte ich und fügte mich so auch an diesem Tag in mein arbeitsreiches Schicksal, den per-manenten Wahnsinn des Unternehmens jederzeit hilflos ausgeliefert. Etwas anderes wäre auch zu einfach gewesen.
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